Dossier: Panopticon

001.1

Fenster zur Stadt

Beitrag Biennale Herbst 2012

© VOGT

Herbarien Frühjahr 2012

Gitterstein 2011

Zaun

Geoverwerfungen 2010

Stalaktiten

Blattmorphologie

© VOGT

001.2

Laubvulkane

Modellstudien

© VOGT

Modellstudie

Exquisite Flakons, raffinierte Verpackungen, verlockende Werbeplakate und laszive Werbespots bildeten den Kontext für die duftenden Erdskulpturen, die VOGT im Rahmen der Ausstellung Parfum – Verpackte Verführung vor dem Museum Bellerive ausstellte.

In der Geruchslandschaft am Seeufer zog das Aroma, das einem Baumstumpf entströmt, den Besucher in den Bann. Es duftete nach dem Vorgang des Verrottens. In der dampfendem Vulkanlandschaft aus Laub wurde diese Umwandlung von Materie zu Duft als Wolke sichtbar und die frei werdende Energie sinnlich erfahrbar: abstrahlende Wärme, dampfend und duftend.

 

2. Dezember 2011 – 9. April 2012

 

001.3

Alpinarium

Im Westen Tirols liegt Galtür, eine kleine Gemeinde, die 1999 durch ein Lawinenunglück tragische Berühmtheit erlangte. Bestandteil der nach dem Unglück errichteten Lawinenmauer ist das Alpinarium, ein alpiner Ausstellungsort. Im Innen- und Aussenraum fand 2005 die Tiroler Landesausstellung statt. Bis dahin zeigte das Alpinarium zwei Wechselausstellungen: „Galtür unter einem Dach“ und „Die Lawine“, die sich mit dem Ort Galtür auseinandersetzten.

Die Landesausstellung bildete eine Plattform für den nachhaltigen interdisziplinären Dialog zwischen den verschiedenen Lebensstrategien im Alpenraum und darüber hinaus. Es entstand ein interaktives Labor, welches den Besuchern Erlebnisse, Erfahrungen und Aktualität vermittelte. Sowohl im Innen- wie auch im Aussenraum wurden die Ausstellungsinhalte durch dispers angeordnete verschiedenartige Modulzellen thematisiert und dargestellt.

Juni - Juli 2004

001.4

Four Tor Panorama

Ausstellung

© VOGT

Landkartenboden

Lageplan der Tors, Sichtverbindungen und Fussweg

Modell Four Tor Panorama

Dioramen: auf der Wanderung gemachte Entdeckungen

© VOGT

Einblicke und Ausblicke, punktuell gerichtete Fokusse und breite Panoramen – die Wahrnehmung der Landschaft hängt immer auch vom Standpunkt ab. Eine Studie am Beispiel von Dartmoore, Südengland, zeigt die Bedeutung, die Exkursionen und die persönliche Landschaftswahrnehmung für uns haben.

Der Weg von Fels zu Fels war Basis der Installation 'Four Tor Panorama', die eine Reihe von Dioramen präsentierte. Wie die Eindrücke von Dartmoor und anderen Exkursionen in die landschaftsarchitektonischen Projekte des Büros übersetzt werden, legte eine Diashow offen.

Zürich Januar - März 2012

001.5

Spiegel Nebel Wind

Spiegel

© VOGT

Kunstspiegel

Nebel

Kunstnebel

Wind

Kunstwind

Schaukelspiegel

Wenn wir uns in der Natur bewegen, ist unsere Wahrnehmung komplexer als der visuelle Eindruck, den wir von ihr haben. Wir spüren Kälte oder Wärme, die Feuchtigkeit in der Luft, nehmen den Geruch der Pflanzen oder der Erde auf und hören die verschiedensten Geräusche.

Günther Vogt bezieht sich mit seiner Installation Spiegel Nebel Wind nicht auf die Formen, sondern auf Phänomene der Natur und erlaubt eine Wahrnehmung dieser Phänomene im körperlichen Sinn. Die Arbeiten sind an der Schwelle zwischen dem Aussenraum des Museums und der Ausstellung im Inneren, die sich mit den dort gezeigten Objekten auf das Visuelle konzentriert, platziert und schaffen so eine Übergagszone, die besondere Erfahrungen und eine Verschiebung unserer Perspektive bereithält. Im Spiegel steht der wahrgenommene Landschaftsausschnitt auf dem Kopf, Nebel schafft eine eigene Klimazone und Wind definiert mit seinem Blätterwirbel den Windfang auf eine ganz neue Weise.

Dezember 2007

001.6

Smells & Sounds

Essenzenbehälter

© Sensarama Consulting GmbH

Zürich/Tokyo

Langstrasse, Zürich

Yanaka, Tokyo

Smells & Sounds – The Invisible In Public Space

 

Im Rahmen des Forschungsprojekts «city_space_transitions» sind zwei voneinander unabhängige Interventionen zum Geruchs- und Hörsinn geplant, die unter dem Titel «smells & sounds» zusammengefasst werden. Das Projekt «Missing Link» konzentriert sich ausschliesslich auf den Geruchssinn. Erforscht werden soll die Wahrnehmung der Gerüche und Düfte in der Stadt. Düfte sind suggestiv, assoziativ, wirken subtil und vor allem intensiver als visuelle Eindrücke. Sie lassen sich nicht distanziert wahrnehmen, sondern sind unmittelbar präsent und rufen augenblicklich Erinnerungen und Assoziationen hervor.

Je eine einwöchige Intervention wird in der Zürcher Langstrasse sowie im Tokyoter Viertel Yanaka durchgeführt. Geplant sind diese als Interaktion mit dem städtischen Strassenraum, der in den ausgewählten Städten abgesehen von den zwei verschiedenen Kulturen unterschiedlicher nicht sein könnte. Die lange Achse der Langstrasse liegt innerhalb einer gleichförmigen gründerzeitlichen Blockrandbebauung. Die verwinkelten, mitunter sehr privaten Gassen des Stadtteils Yanaka hingegen treffen unvermittelt auf grosse Magistralen.

Zürich Oktober 2006

Tokyo Oktober- November 2006

001.7

Non Sites Sight

Gibt es Berge in Berlin? Kann man Berge verpflanzen? Sind es dann Kunstberge? 

Die Seefahrer erfanden den künstlichen Horizont, um der formlosen Weite des Meers die überlebenswichtige räumliche Orientierung entgegenzusetzen. In unsere Stadtlandschaften führen wir künstliche Horizonte als Projektionsräume ein, um dem Raum im direkten und dem Leben im übertragenen Sinn ein Gefühl von Tiefe zu verleihen. 

Aber was und wo ist der wahre Horizont! Existiert diese Linie, die von Standort, Körpergrösse, Wetter und Lichtverhältnissen abhängig ist überhaupt? Distanz und Nähe, Vordergrund und Hintergrund, liegt der wahre Horizont allein im Auge des Schauenden? 

Der Gegensatz Stadt - Land hat sich aufgelöst. Der Horizont in der zeitgenössischen Stadtlandschaft Europas ist vielfach gebrochen, überpräsent oder versteckt. Die eingelösten Utopien der Moderne urbanisierten die Landschaft und verführten am Ende die Landschaft in die Stadt. Urbanisierte Landschaft und landschaftliche Urbanität lassen Differenzen verschwinden, hinter denen sich in der Vergangenheit der Horizont erstreckte. 

Modelle sind mehr als die verkleinerte Übersicht des grossen Ganzen. In der Modellwelt fehlt immer etwas. Sinnlichkeit, Geruch oder Geräusche, man kann die Dinge nicht ertasten. Die zeitliche oder räumliche Dimension, das Volumen oder die Tiefe. Die implizite Aufforderung, die fehlenden Teile durch Imagination zu ersetzen, ist die poetische Kraft, die Landschaftsmodelle auszeichnet. 

Ein Modell einer Landschaft zu bauen, bedeutet einen Dialog mit einer spezifischen lokalen Erscheinung von Natur zu führen. Das Substrat einer Landschaft zu entdecken und freizulegen ist weit mehr als die Naturwissenschaften vermitteln können. Witterung aufnehmen für das, was in der Luft liegt. Das Modell ist damit die Vorstufe einer neuen Wirklichkeit. Unser Blick ist nicht mehr zum Horizont gerichtet in Erwartung neuer ferner Grenzen. Die handgreiflich vor uns liegende Realität mit ihren gesetzten Bedeutungen gilt es zu entschlüsseln, in eine fortlaufenden Rückkoppelung zwischen Realität und Modell, fremdartig vertrauter Aussenwelt und Imagination neu zu interpretieren.

Die Montage von Bildern ähnlich dem technischen Verfahren im Film entspricht unserer bruchstückhaften Lebenswelt. Sie legt das Konstruktionsprinzip frei, verwendete Materialien brechen die Realität, verlieren die Bindung an das, was sie ursprünglich bedeuten. Die Teile sind nicht mehr wichtig in ihrer spezifischen Besonderheit, sondern in Bezug zur Konstruktion des Modells. 

Was ist Urbild, Abbild oder Trugbild?

Die Frage stellt sich nicht mehr. Landschaft ist ein Modell, ein Denkbild und Realität zugleich.

Günther Vogt 2012

001.8

Stadt Platz Landschaft

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© VOGT

Das Potenzial der Stadtlandschaft ist die Heterogenität der Stadt. Die Natur in der Stadt findet sich in vielen verschiedenen Formen. Allein in der gegebenen uneinheitlichen Struktur ist die Entwicklung dieser Diversität möglich. Die in der Ausstellung gezeigten Projekte aus dem Raum München vermitteln, wie Gestaltungskonzepte für den spezifischen Ort entstehen.
Bei der Umgebungsgestaltung der Allianz Arena war nicht nur die Zeitspanne vor und nach einem Spiel entscheidend, in der enorme Besucherströme vom Parkdeck, der Bus- oder U-Bahn-Station zum Stadion hin und wieder zurückgeführt werden müssen, sondern auch der Zeitraum, in dem keine Spiele stattfinden und die Esplanade als Naherholungsgebiet der Bevölkerung zur Verfügung steht.
Der städtische Bahnhofplatz München-Giesing bildet ein starkes Kontrastprogramm zur Heidelandschaft des Fussballstadions und verweist damit auf die Vielgestaltigkeit und Komplexität der Profession, deren Glaubwürdigkeit auf der intensiven und sorgfältigen Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Natur des Ortes beruht.

Mai - Juli 2005

001.9

Von Büchern und Bäumen

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

© Christian Vogt

Die Welt der Pflanzen ist einer unendlich scheinenden Bibliothek von Büchern vergleichbar. Wie anders lässt sich die Vielfalt der Formen, Farben, Grössen und Gerüche beschreiben? In der Alltagsrealität hilft die Überschaubarkeit des Gartens. Die Beschränkung der Dimension und der Mittel wirkt befreiend. Nicht die Gesamtheit der Pflanzen, sondern der Fokus auf Ausgewählte verlangt unsere Aufmerksamkeit. Ein vollkommener Garten kann uns daher mehr berühren als Natur in urwüchsiger Form. Der Zauber eines Gartens liegt aber nicht allein in der Auswahl verschiedener Pflanzen. Die Wahrnehmung über die Textur der Blätter, die Gerüche der Blüten, den Schatten der Bäume ist direkt und unvermittelt.
Das Potenzial der Stadtlandschaft ist die Heterogenität der Stadt. Heute ist die Natur der Stadt vielfältiger als die Natur der Landschaft. Dies hat buchstäblich mit dem Substrat des Ortes zu tun. Vielfach fraktioniert ist die Form der Stadtvegetation eine Erzählung ihrer eigenen Geschichte.

November 2004 - Januar 2005

001.10

The Mediated Motion

*Olafur Eliasson, Verlag Walther König, Markus Tretter

© Kunsthaus Bregenz*

*Olafur Eliasson, Verlag Walther König, Markus Tretter

© Kunsthaus Bregenz*

*Olafur Eliasson, Verlag Walther König, Markus Tretter

© Kunsthaus Bregenz*

*Olafur Eliasson, Verlag Walther König, Markus Tretter

© Kunsthaus Bregenz*

*Olafur Eliasson, Verlag Walther König, Markus Tretter

© Kunsthaus Bregenz*

Ausstellungsräume

© VOGT

Nebel, Gestampfte Erde, Wasserlinse, Pilzen

© VOGT

Die streng orthogonale Architektur Peter Zumthors aus Beton und Glas verwandelte sich auf allen vier Ebenen durch Geruch, Nebel, Wasser, Pflanzen und Erde in einen Parcours ”Vom Erlebnis und vom Bewusstsein des Erlebnisses” (Eliasson).

Die begehbare raumgreifende Installation beschreibt über die Kultur der Natur einen Erfahrungsraum. Das Sichtbare beinhaltet auch etwas Verborgenes. Die Bilder bewirken gerade über die vermeintliche Unsichtbarkeit des physisch Wahrnehmbaren eigene gedankliche Beziehungen – sehen und erinnern. Ein wohlbekanntes Motiv in einem ihm fremden Umfeld situiert, verweist auf den Hintergrund. Anschauliches Denken setzt die Erkenntnis in der Erinnerung des Betrachters frei. Er erkennt den vertrauten, nicht dargestellten Zusammenhang – das Motiv ist physisch real, der Hintergrund virtuell.

Die präzise Darstellung und das Erleben der Oberfläche des Bildes führt über das Ansehen und die Erinnerung – das Sehen und Denken – zum Wachrufen von individuellen und gesellschaftlichen Vorstellungen und zum Wiedererkennen vertrauter Erlebnisse. Eliasson beschreibt dieses Verhältnis wie folgt: ”Das Publikum ist das Werk, da alles andere sich stets verändert”.

März - Mai 2001
 

001.11

Langstrassenchoreografien

In der Strasse zeigt sich die Stadt. Die Strasse verbindet Orte und ist somit Bewegungsraum par excellence. Doch sie ist nicht nur Infrastruktur, sondern auch Lebensraum. Als heterotopischer Raum ist die Strasse gleichzeitig road und street , Durchgangs- und Begegnungsort. Die Strasse führt nicht nur zu einem Ziel, sondern ist auch Ziel.

Das primäre Interesse der Professur Vogt gilt den Urbanisierungsprozessen und der Qualität des öffentlichen Raums. Sie versteht Landschaftsarchitektur als Teil der Stadt in ihren Wechselbeziehungen zu Architektur und Infrastruktur. In der Wahlfachreihe Pairi-daeza – das Etymon von Paradies ist persisch und bedeutet ganz konkret „eine Mauer, die einen Garten umschliesst“ – erörtert sie landschaftsarchitektonische Grundelemente wie Umgrenzung, Schwelle, Topografie, Wasser und Vegetation. Das Herbstsemester 2011 befasste sich mit Choreografie als der Gestaltung und Festlegung von Bewegung und der Strasse als dem alltäglichsten, doch am wenigsten beachteten urbanen Freiraum.

Mit der Zürcher Langstrasse stand eine besondere Strasse zur Disposition. Der einstige Flurweg reicht vom Limmatplatz bis zur Badenerstrasse und ist heute die einzige Verbindung zwischen den durch das Geleisfeld getrennten Stadtkreisen 4 und 5. Die rund um die Uhr belebte internationale Langstrasse mit ihren vielen Querstrassen und dichten Hofrandbebauungen ist in jeder Hinsicht von‚ Verkehrʼ geprägt. Die Studierenden wählten einen Ort für ihre Intervention innerhalb des Langstrassenquartiers. Auch das Programm formulierten sie selber und setzen sich so mit städtebaulichen, typologischen und soziologischen Fragen auseinander. Die ausgewählten Choreografien zeugen von der Unterschiedlichkeit, wie Bewegung gestaltet werden kann. Sie changieren zwischen Landschaftsarchitektur, Tanz und bildender Kunst und artikulieren sich entsprechend in verschiedenen Medien.

Dezidiert architektonisch ist die Arbeit von Bianca Kummer/Eva Willenegger. Für die heute rein funktionale Langstrassenunterführung entwickelten sie mittels Licht und Reflexion eine spezifische Choreografie, die den Transit zu einem Bewegungserlebnis werden lässt. Martin Caduff/Stefan Kindschi führen die Passanten über das Geleisfeld und zeigen ihnen die vielleicht eindrücklichste Choreografie Zürichs. Ihr Projekt verlängert die Langstrasse und ist gleichzeitig eine Art Stadttor. "Das fehlende Glied" ist auch ein Manifest für mehr Stadt.

Henrik Becker/Gian Trachsler verdichten die Langstrasse mittels eines Hohlspiegels in einer Baulücke. Ihre Choreografie bricht je nach Sonnenstand den Gang der Passanten. Auf der Fassade steht der Satz von Samuel Beckett: “The sun shone, having no alternative, on the nothing new.” Simone Blum/Sansath Saravanabavan verleihen der banalen Bauhallengasse eine Idee von Park. Ein abstraktes Blätterdach verführt die Fussgänger zu einer Choreografie aus Licht und Schatten. Stefanie Friedli/Marion Heinzmann machen die Passanten der Langstrasse nachts zu Protagonisten eines Schattentheaters. Die geschlossene Seitenwand des Kinos Roland wird zu dessen Leinwand.

001.12

un-common Venice

© Florian Holzherr

© Florian Holzherr

© Florian Holzherr

Kiosk an der Via Garibaldi

© Florian Holzherr

Kiosk an der Via Garibaldi

© VOGT

© Florian Holzherr

© Florian Holzherr

Kiosk an der Via Garibaldi

© VOGT

Republic of Common Ground

© VOGT

Kiosk-tryptichon

© VOGT

Modellstudie

© VOGT

Modellstudie

© VOGT

Frühe Modellstudie

© VOGT

Frühe Modellstudie

© VOGT

Ein kleiner, türkisfarbener Kiosk in Venedig an der Ecke Via Garibaldi und Riva dei Sette Martiri ist Teil eines Projekts von Günther Vogt im Rahmen der 13. Internationalen Architekturausstellung in Venedig, die sich dem Thema ‹Common Ground› widmet. Der Beitrag von Günther Vogt nimmt das Thema wörtlich, wobei er den öffentlichen Raum als Allmende (‘commons’) versteht und diesen dementsprechend im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Ressource und Nutzung untersucht. Venedig scheint sich für diese Betrachtung aufgrund der klaren Trennung von öffentlichem und privatem Raum und wegen des Spannungsverhältnisses zwischen lokaler und globaler Nutzung – vor dem Hintergrund der kritischen Frage nach einer potentiellen Übernutzung durch den Massentourismus (vgl. ‘tragedy of the commons’) – paradigmatisch zu eignen.

Durch Passantenbefragungen an verschiedenen öffentlichen Räumen in der Stadt wurde mithilfe von Studenten der IUAV (Universität Venedig) versucht, eine differenzierte Wahrnehmung der ‹Ressource Venedig› und ihr Regelwerk in Bezug auf den gelebten Alltag zu ermitteln. Dabei ging es darum, wie diese Orte benutzt, angeeignet und mental konzipiert werden, wie man sich darin bewegt und orientiert und was die spezifischen Merkmale und Qualitäten sind. Das Verständnis von Venedig, resp. von dessen öffentlichem Raum als ‹commons›, und die Fokussierung auf die subjektive Nutzerperspektive - vom lokalen Bewohner bis zum globalisierten Tagestouristen- soll gleichsam aus dem Alltäglichen und Gewohnten heraus, einen ungewöhnlichen Blick auf Venedig eröffnen (‘un-common Venice’).

Eine erste, leise Okkupation des Stadtraums erfolgt von August bis Dezember durch Plakate, die in allen Landessprachen der Teilnehmerländer der Biennale die Stadtbewohner und Touristen ansprechen. Die Plakate lancieren, mit Statements und Fragen rund um das Thema common ground, die öffentliche Debatte.

Eine zweite Okkupation findet über den Zeitraum der Biennale durch das Betreiben eines bestehenden Kiosks in Venedig statt, der sich an der Kreuzung der Via Giuseppe Garibaldi und dem Riva dei Sette Martiri befindet. Formal erinnert dieser Kiosktyp, von dem nur noch einige wenige in Venedig anzutreffen sind, an die islamischen Wurzeln dieser Kleinarchitektur. Im Osmanischen Reich gab es seit dem frühen 16. Jahrhundert kleine Strassenkioske, die als öffentliche Brunnenhäuser dienten, da nach islamischem Recht die Versorgung der Stadtbevölkerung mit gutem Trinkwasser zu den Pflichten der Herrscherfamilien oder reicher Privatleute gehörte. Im Innenraum der Brunnenhäuser befand sich ein Diener, der den Vorbeigehenden kostenlos Trinkwasser ausschenkte. Da Wasser eines der wichtigsten Gemeingüter (commons) ist, wird diese alte Tradition wieder aufgenommen.

Der Kiosk dient zugleich als Kommunikations- und Präsentationsplattform für die Resultate der Passantenbefragungen. Aus diesen abgeleitete Erkenntnisse werden in die Sprache des Kiosks übersetzt, an dem dieses ungewohnte Venedig in Form von Zeitungen, Postkarten und zahlreichen ungewöhnlichen Kioskartikeln verkauft wird. Das Kioskinventar wird zusätzlich durch Beiträge von Studierenden und Freunden aus den Bereichen Architektur, Kunst und Design ergänzt, wodurch der Kiosk zur gemeinsamen Plattform wird für eine Vielfalt von Ansichten und Stellungnahmen zum Thema ‘un-common Venice’. Alle Artikel des Kiosks werden an die Vorbeigehenden unter der Bedingung ihrer Teilnahme an der Befragung abgegeben, womit sie selbst wiederum Teil des Projektes werden.

Im Ausstellungskontext der Biennale in der Corderia findet man nurmehr die abstrahierte, inhaltsleere Hülle des Kiosks an der Via Garibaldi. In dessen Kupferoberfläche spiegeln sich die an den Ausstellungswänden angebrachten Plakate. Die Installation in der Corderia ist folglich Reflektor und Archiv des ‘wirklichen’ common grounds draussen in der Stadt.

Ohne den Kiosk als Allegorie für den öffentlichen Raum oder die Stadt lesen zu wollen, scheint er uns doch als Strategie und gemeinsame Plattform geeignet: als Hüter der Kleinigkeiten lebt er vom Nebeneinander einer Vielfalt, wobei jedes Ding seine eigene Identität hat aber die Qualität erst über die Kombination im Kontext der Diversität auf kleinstem Raum entsteht. In einer unaufgeregten Addition von Notwendigem, Alltäglichem und Spezifischem, vermittelnd zwischen lokal und global, vielseitig, bunt und verführerisch.

 

001.14

Mapping Everything – Abdruck der Landschaft

‘Mapping’ bedeutet ein begrenztes Gebiet zu erfassen und erhobene Daten in eine Karte zu übertragen. Geologische Karten, Stadtpläne, Mindmaps, Handskizzen, S-Bahn-Linienpläne, topographische Modelle, Vegetationskarten – die Darstellung von Raum auf Karten, Plänen und in Modellen ist so vielfältig wie es ihre spezifischen Zwecke sind; die Darstellungsformen so variabel wie die Raumwahrnehmung ihrer Autoren. 
 

Die Summerschool 2013 der Professur Vogt, die vom 1.-17. Juli im case studio VOGT stattfindet, widmet sich dem Abdruck der Landschaft. Konkret gilt es, die Stadtnatur in Zürich kartografisch zu erforschen, sich anzueignen und zu überarbeiten. Diese Untersuchung bildet im zweiten Schritt die Grundlage für eine gestalterische Arbeit, die vor Ort umgesetzt werden soll. Anhand von verschiedenen Experimenten, Workshops, Vorlesungen und Ausflügen findet eine Annäherung ans Thema ‘Mapping’, als Prozess verstanden, statt. Die individuellen Arbeiten, Ergebnisse und gemachten Erfahrungen werden im Anschluss an die Summerschool in Form einer Ausstellung präsentiert:

case studio VOGT
20. Juli-31- August 2013