004.11

un-common Venice

© Florian Holzherr

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Kiosk an der Via Garibaldi

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Kiosk an der Via Garibaldi

© VOGT

© Florian Holzherr

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Kiosk an der Via Garibaldi

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Republic of Common Ground

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Kiosk-tryptichon

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Modellstudie

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Modellstudie

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Frühe Modellstudie

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Frühe Modellstudie

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Ein kleiner, türkisfarbener Kiosk in Venedig an der Ecke Via Garibaldi und Riva dei Sette Martiri ist Teil eines Projekts von Günther Vogt im Rahmen der 13. Internationalen Architekturausstellung in Venedig, die sich dem Thema ‹Common Ground› widmet. Der Beitrag von Günther Vogt nimmt das Thema wörtlich, wobei er den öffentlichen Raum als Allmende (‘commons’) versteht und diesen dementsprechend im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Ressource und Nutzung untersucht. Venedig scheint sich für diese Betrachtung aufgrund der klaren Trennung von öffentlichem und privatem Raum und wegen des Spannungsverhältnisses zwischen lokaler und globaler Nutzung – vor dem Hintergrund der kritischen Frage nach einer potentiellen Übernutzung durch den Massentourismus (vgl. ‘tragedy of the commons’) – paradigmatisch zu eignen.

Durch Passantenbefragungen an verschiedenen öffentlichen Räumen in der Stadt wurde mithilfe von Studenten der IUAV (Universität Venedig) versucht, eine differenzierte Wahrnehmung der ‹Ressource Venedig› und ihr Regelwerk in Bezug auf den gelebten Alltag zu ermitteln. Dabei ging es darum, wie diese Orte benutzt, angeeignet und mental konzipiert werden, wie man sich darin bewegt und orientiert und was die spezifischen Merkmale und Qualitäten sind. Das Verständnis von Venedig, resp. von dessen öffentlichem Raum als ‹commons›, und die Fokussierung auf die subjektive Nutzerperspektive - vom lokalen Bewohner bis zum globalisierten Tagestouristen- soll gleichsam aus dem Alltäglichen und Gewohnten heraus, einen ungewöhnlichen Blick auf Venedig eröffnen (‘un-common Venice’).

Eine erste, leise Okkupation des Stadtraums erfolgt von August bis Dezember durch Plakate, die in allen Landessprachen der Teilnehmerländer der Biennale die Stadtbewohner und Touristen ansprechen. Die Plakate lancieren, mit Statements und Fragen rund um das Thema common ground, die öffentliche Debatte.

Eine zweite Okkupation findet über den Zeitraum der Biennale durch das Betreiben eines bestehenden Kiosks in Venedig statt, der sich an der Kreuzung der Via Giuseppe Garibaldi und dem Riva dei Sette Martiri befindet. Formal erinnert dieser Kiosktyp, von dem nur noch einige wenige in Venedig anzutreffen sind, an die islamischen Wurzeln dieser Kleinarchitektur. Im Osmanischen Reich gab es seit dem frühen 16. Jahrhundert kleine Strassenkioske, die als öffentliche Brunnenhäuser dienten, da nach islamischem Recht die Versorgung der Stadtbevölkerung mit gutem Trinkwasser zu den Pflichten der Herrscherfamilien oder reicher Privatleute gehörte. Im Innenraum der Brunnenhäuser befand sich ein Diener, der den Vorbeigehenden kostenlos Trinkwasser ausschenkte. Da Wasser eines der wichtigsten Gemeingüter (commons) ist, wird diese alte Tradition wieder aufgenommen.

Der Kiosk dient zugleich als Kommunikations- und Präsentationsplattform für die Resultate der Passantenbefragungen. Aus diesen abgeleitete Erkenntnisse werden in die Sprache des Kiosks übersetzt, an dem dieses ungewohnte Venedig in Form von Zeitungen, Postkarten und zahlreichen ungewöhnlichen Kioskartikeln verkauft wird. Das Kioskinventar wird zusätzlich durch Beiträge von Studierenden und Freunden aus den Bereichen Architektur, Kunst und Design ergänzt, wodurch der Kiosk zur gemeinsamen Plattform wird für eine Vielfalt von Ansichten und Stellungnahmen zum Thema ‘un-common Venice’. Alle Artikel des Kiosks werden an die Vorbeigehenden unter der Bedingung ihrer Teilnahme an der Befragung abgegeben, womit sie selbst wiederum Teil des Projektes werden.

Im Ausstellungskontext der Biennale in der Corderia findet man nurmehr die abstrahierte, inhaltsleere Hülle des Kiosks an der Via Garibaldi. In dessen Kupferoberfläche spiegeln sich die an den Ausstellungswänden angebrachten Plakate. Die Installation in der Corderia ist folglich Reflektor und Archiv des ‘wirklichen’ common grounds draussen in der Stadt.

Ohne den Kiosk als Allegorie für den öffentlichen Raum oder die Stadt lesen zu wollen, scheint er uns doch als Strategie und gemeinsame Plattform geeignet: als Hüter der Kleinigkeiten lebt er vom Nebeneinander einer Vielfalt, wobei jedes Ding seine eigene Identität hat aber die Qualität erst über die Kombination im Kontext der Diversität auf kleinstem Raum entsteht. In einer unaufgeregten Addition von Notwendigem, Alltäglichem und Spezifischem, vermittelnd zwischen lokal und global, vielseitig, bunt und verführerisch.