Gedenkort Hannoverscher Bahnhof, Hamburg, Deutschland

Geschichte sprechen lassen

Auftraggeber: HafenCity Hamburg GmbH
Zeitraum: 2013 – 2018
Fläche: 8 300m2

Die baulichen Reste des Hannoverschen Bahnhofs haben eine eigene, klare visuelle Sprache: Zwar stammen die Materialien teilweise nicht mehr von der Originalanlage, strahlen aber doch Geschichte aus – Form und Lage der Anlage erzählen von der Vergangenheit. Das etwas tiefere Höhenniveau, das sich aus der Geschichte des Ortes ergeben hat, gliedert sich nicht in die Höhenstaffelung der neuen Situation ein. Wie eine tiefere geologische Schicht liegt die Anlage ein Meter unterhalb des zukünftigen Parkniveaus und circa drei Meter unter der Stadtebene. Dieser Höhensprung ist und bleibt räumlicher Ausdruck der historischen Bedeutung des Ortes. Er holt im Sinne einer archäologischen Ausgrabung Vergangenes an die Oberfläche. Der Bestand erzählt allein über seine Form, Materialität und Struktur implizit die Geschichte des Ortes. Diese zentrale Qualität erhält und betont der Entwurf.

Die Details der Geschichte sind im geplanten Dokumentationszentrum umfassend zu erfahren und entbinden den Hannoverschen Bahnhof von der Notwendigkeit, als Mahnmal im didaktischen Sinne zu fungieren. Das erlaubt, bei der Gestaltung des Ortes auf die große Geste zu verzichten – zugunsten der unveränderten historischen Form, die sich mit ihrer einfachen, klaren Aussage der Interpretation enthält.

Mit gezielten, doch subtilen Maßnahmen wird die Aussagekraft des historischen Ortes gestärkt: Die drei zentralen Elemente der Anlage werden zu einer Sequenz von Räumen unterschiedlicher Inhalte, Atmosphären und Nutzungen verbunden.

Über eine Rampe ist die verlängerte Gleisanlage vom Park aus zugänglich. Die Verbindung zwischen Lohseplatz und den Gedenkort ist als Weg inszeniert, der die Strecke und ihre Veränderung während des Gehens physisch und sinnlich wahrnehmbar macht.

Die Mauer, die den Höhensprung zwischen Gleisanlage und Parkniveau überwindet, verstärkt die räumliche Wirkung des Weges. Schließlich öffnet sich die begrenzende und richtungweisende Wand. Um auf der Stadtebene die Sichtbezüge entlang des Parks zu erhalten, und die räumliche Wirkung und Lesbarbarkeit des Gedenkortes zu stärken, wird die Fuge auf der Stadtebene von Birken, Robinien und sporadisch auch Sommerflieder begleitet: Pioniergehölze, die sich entlang der Gleisanlagen verbreiten.

Die Mauer mit einen Vorsatz aus Splittbeton erhält eine leichte Faltung der Oberfläche. Die Seiten werden in unterschiedlicher Intensität den Witterungseinflüssen ausgesetzt, so dass sich schnell Moose, Flechten etc. ansammeln, und unterscheiden sich dadurch zunehmend mit der Zeit.

Verbindendes Element zwischen den drei Teilen der historischen Anlage ist der Bodenbelag: Wie der Lohseplatz und Teile des Gedenkorts ist auch der Weg gepflastert.

Eine visuell offene und filigrane Fahrrad- und Fußgängerbrücke schafft eine Verbindung über die Fuge. Die Ansicht der Brücke reagiert auf den Belag in der Fuge: Durch ihre luftigwirkende Stahlkonstruktion und dem filigranen Geländer führt ihre Leichtigkeit die zukünftige Stadtebene und die historische Gleissituation in einer harmonische Komposition zusammen.

Hinter dem Gedenkort – auf dem Parkniveau – wird die bestehende Vegetation aus Birken zu einem sich nach hinten verdichtenden Hain ergänzt, welcher einerseits den Ort rahmt und andererseits als visueller Filter zum Bahndamm wirkt. Vorbeifahrende Züge werden so zu Geräuschen und bewegten Schemen zwischen den Bäumen reduziert.

Die Gestaltung schafft einen zugänglichen, spürbar historischen, doch nicht mit seiner eigenen Geschichte überfrachteten Ort, der dem Nutzer nach individuellem Wunsch und Hintergrund unterschiedliche Aspekte bietet. Seine Gestaltung – in der immer wieder auf den ersten Blick unverständliche, überraschende geschichtliche Elemente auftauchen – wirft Fragen auf. Der Besucher entscheidet, ob er diese Fragen offen lässt oder ihnen nachgeht.