Haliç Shipyard, Istanbul

Der Wert des Bestands

Auftraggeber 
Haliç Altın Boynuz Marina Turizm Gayrimenkul Ins. Yat. Tic. A.S.
Prozess
2014–2015
Status 
nicht realisiert
Fläche 
280 000m2
Land 
Türkei

Mit der Transformation der ehemals für die Öffentlichkeit unzugänglichen Werftanlagen stellt sich die Frage nach dem Typus und der Dimension der Freiräume, die das Grundgerüst für die Entwicklung des neuen Stadtteils bilden. Das Fehlen lokaler Vorbilder und die Grösse des Areals erfordern eine Betrachtung auf der Ebene der Stadtlandschaft: Nicht kleine Quartierparks, sondern das Meer, die Meerengen und die Wälder sind die Bezugsgrössen für den Masterplan an einer der prominentesten Positionen innerhalb der Stadt. 

Wie in kaum einer anderen Metropole Europas sind in Istanbul – und etwa auch in Rom – die ehemals für die Versorgung der Stadt notwendigen Infrastrukturen im Territorium immer noch ablesbar. Ablagerungen und Fragmente einer über 2000-jährigen Geschichte dokumentieren den Zugriff auf die vorhandenen und erforderlichen Ressourcen als Grundlage für die Existenz und die Prosperität einer potenten städtischen Kultur.

Wege des Wassers 

In Istanbul sind vor allem die im Norden der Stadt gelegenen Wälder von zentraler Bedeutung. Sie wurden für die Jagd genutzt, für den Schiffbau und zum Heizen der zahlreichen Thermen gerodet – auch, um auf diesem Weg neues Kulturland zu erschliessen. Süsswasser wurde als Trinkwasser und als Badewasser in Stauseen gesammelt, über lange Strecken teils oberirdisch, teils verborgen im Untergrund über Aquädukte, Kanäle und Kavernen transportiert. Innerhalb der Stadt wurde das Wasser dann wieder zutage gefördert, oftmals innerhalb kleinster Architekturen: Die Kioske, die ursprünglich von reichen Persönlichkeiten als Wasserstellen für die ärmere Bevölkerung angelegt wurden, versinnbildlichen nicht nur die ökonomische, soziale und religiöse Bedeutung des Wassers, sondern verweisen auch auf die dahinter liegende Landschaft und somit auf das System von Wasserwegen. Sie sind weit mehr als profane Infrastrukturbauwerke und erscheinen dem aussenstehenden Betrachter heute wie Metaphern in einem englischen Landschaftspark.  

Die Strasse und der Wald

Neben den unzugänglichen Gärten und Parks der wohlhabenden Bürger, die der breiten Bevölkerung auch heute noch grösstenteils verschlossen bleiben, kannte Istanbul seit jeher die Strasse und den Hof als öffentliche Orte, ebenso die oft durch Mauern und Dächer geschützten Moscheen, Märkte und Friedhöfe. Verglichen mit dem Massstab der Metropole gibt es heute jedoch nicht mehr genügend Freiräume. Ein Umstand, der durch die breite Protestbewegung gegen die Zerstörung des Gezi-Parks – des ersten öffentlichen Parks der Stadt – auch über die Grenzen Istanbuls hinweg sichtbar wurde. Dieser Mangel hat dazu geführt, dass sich die Menschen die weitläufigen Waldlandschaften im Norden der Stadt aneignen. Seit langem lässt sich eine informelle Inbesitznahme zu Freizeitzwecken beobachten. Neue Infrastrukturen werden geschaffen und laufend verfestigt, jedoch resultiert aus dieser Ergänzung der Ausstattung und des Angebots nicht eine umfassendere Zugänglichkeit, sondern vor allem eine partielle Privatisierung des Raums. Parallel dazu beginnen die wachsende Stadt und insbesondere die neuen grossmassstäblichen Infrastrukturen die Wälder immer mehr zu umschliessen. Dies stellt nicht nur eine Bedrohung für die Pflanzen- und Tierwelt dar, sondern beeinträchtigt auch Funktionen wie zum Beispiel die Frischluftzufuhr oder die kühlende Wirkung des Waldes für die Stadt.

Öffnungen in der Stadt

Führt die Transformation der Wälder letzten Endes zu privatisierten Strukturen, bietet im Inneren der Stadt die Öffnung ehemals unzugänglicher Areale durch frühzeitige Planung das Potenzial langfristig stabiler Freiräume. Die im Jahr 1455 auf Befehl von Fatih Sultan Mehmet auf dem Grund der ehemals genuesischen Kolonie gegründeten Haliç-Werften zählten zu den am längsten betriebenen Werftanlagen der Welt. Der Standort befindet sich am Goldenen Horn, direkt gegenüber der Altstadt des ehemaligen Konstantinopels. Und obschon im Norden dichte Stadtviertel und ein kleiner Park an das Areal angrenzen, waren die Uferzonen bisher unzugänglich. 

Looking In – Looking Out 

Die erste Aneignung des stillgelegten Areals erfolgt über eine fotografische Recherche. Zeigen die Karten und Luftbilder vor allem die grossen Strukturen und die übergeordnete Einbindung in die Stadt, erschliessen sich aus der Nähe der Fussgängerperspektive die feinen Differenzen der räumlichen Struktur und die Besonderheiten der lokalen Topografie. Aus dem dokumentierten Spaziergang ergeben sich erste Ideen für geeignete Freiraumtypen und deren Funktion im neuen Quartier. Eine lange Uferpromenade bildet das Rückgrat des Stadtteils, ergänzt um eine Vielzahl von Quartierplätzen, Gassen, Passagen und Gärten. Viele der Typen folgen lokalen Traditionen: Brunnen und Kioske spenden kostenlos Trinkwasser, Mauern begrenzen als Schwellen die Plätze und Gärten. Dahinter verbergen sich keine verbotenen Orte, sondern frei zugängliche Stadträume. Unter der Prämisse, dass vorhandene Strukturen respektiert und in das Konzept miteingebunden werden, formuliert der Masterplan einen ersten Vorschlag für den neuen Stadtteil, der ausgehend vom Freiraum gedacht und entwickelt werden soll. Neben dem materiellen wird dabei auch das immaterielle Erbe, das Handwerk und das Wissen um die Kunst des Schiffbaus, aufgegriffen und für künftige Generationen in der Struktur der Freiräume und der Gebäude ablesbar bleiben.